Willkommen zu Ausgabe No.2 von Bilderuniversum.
Alle drei Wochen wird hier ein Gespräch mit einer Person erscheinen, die sich mit dem Zusammenspiel von visuellen Medien und Gesellschaft beschäftigt.
Die zweite Ausgabe ist ein Gespräch mit Kerstin Schankweiler. Sie ist Professorin für Bildwissenschaft im globalen Kontext an der TU Dresden. Zusammen mit Dr. Verena Straub leitet Sie das DFG-Forschungsprojekt „Bildproteste in den sozialen Medien“.
Felix Schmale: Was verstehen Sie unter Bildprotesten und welche ästhetischen und medialen Logiken prägen Bildproteste, und wie unterscheiden sie sich von klassischen Protestformen?
Kerstin Schankweiler: Mit dem Begriff Bildproteste möchte ich die zentrale Rolle betonen, die Bilder in politischen Protestbewegungen spielen. Gerade heute, wo sich Proteste vor allem in den Sozialen Medien artikulieren, rücken visuelle Inhalte und Praktiken immer stärker in den Vordergrund. Mit Bildprotesten meine ich dabei nicht nur die mediale Darstellung von Protesten – also etwa Fotografien oder Videos von Demonstrationen. Es geht auch darum, wie Bilder selbst zum Auslöser von Protesten werden, wie mit Bildern protestiert wird und wie Bilder zu Akteuren innerhalb von Protesten werden, die zum Teil unkontrollierbare Dynamiken entwickeln.
Dabei stellt sich automatisch die Frage, wer oder was eigentlich gesehen wird – und was nicht. Sichtbarkeit ist politisch, gerade in den Sozialen Medien. Bilder bestimmen also auch mit darüber, welche Themen überhaupt Aufmerksamkeit bekommen. Und diese Aufmerksamkeiten sind wiederum Teil von Machtverhältnissen.
Der Begriff Bildproteste macht also deutlich, dass das Visuelle in aktuellen Protestkulturen ein stark umkämpftes Feld ist. Besonders greifbar wurde das Anfang der 2010er Jahre, bei den Protesten im Zuge des Arabischen Frühlings oder auch bei Occupy Wall Street. Hier konnte man sehr gut beobachten, was passiert, wenn sich Protestbilder über Soziale Netzwerke weltweit verbreiten: Sie erzeugen Resonanz, sie vernetzen unterschiedliche Bewegungen miteinander, und sie schaffen globale Aufmerksamkeit.
FS: Wie verändert sich Protest in seiner Wirkung, Verbreitung und Gemeinschaftsbildung, wenn Bilder an die Stelle des physischen Raums treten?
KS: Wenn Bilder an die Stelle des physischen Raums treten, verändert sich Protest in mehrfacher Hinsicht. Zum einen verschieben sich die Orte des Protests – von der Straße ins Netz, von öffentlichen Plätzen auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder X. Dadurch wird Protest nicht mehr nur lokal erfahrbar, sondern potenziell global sichtbar. Wir können außerdem beobachten, inwiefern sich Ästhetiken des Protests weltweit aufeinander beziehen. Ein Beispiel sind sogenannte Selfie-Proteste – damit bezeichne ich Fotografien oder Videos, in denen sich Menschen mit Protestschildern oder Protestgesten selbst inszenieren. Diese Bildpraxis wurde und wird von unterschiedlichsten Bewegungen weltweit aufgegriffen: von „Black Lives Matter“ bis zu den iranischen „Frau, Leben, Freiheit“-Protesten. […]
Willkommen zu Ausgabe No.2 von Bilderuniversum.
Alle drei Wochen wird hier ein Gespräch mit einer Person erscheinen, die sich mit dem Zusammenspiel von visuellen Medien und Gesellschaft beschäftigt.
Die zweite Ausgabe ist ein Gespräch mit Kerstin Schankweiler. Sie ist Professorin für Bildwissenschaft im globalen Kontext an der TU Dresden. Zusammen mit Dr. Verena Straub leitet Sie das DFG-Forschungsprojekt „Bildproteste in den sozialen Medien“.
Felix Schmale: Was verstehen Sie unter Bildprotesten und welche ästhetischen und medialen Logiken prägen Bildproteste, und wie unterscheiden sie sich von klassischen Protestformen?
Kerstin Schankweiler: Mit dem Begriff Bildproteste möchte ich die zentrale Rolle betonen, die Bilder in politischen Protestbewegungen spielen. Gerade heute, wo sich Proteste vor allem in den Sozialen Medien artikulieren, rücken visuelle Inhalte und Praktiken immer stärker in den Vordergrund. Mit Bildprotesten meine ich dabei nicht nur die mediale Darstellung von Protesten – also etwa Fotografien oder Videos von Demonstrationen. Es geht auch darum, wie Bilder selbst zum Auslöser von Protesten werden, wie mit Bildern protestiert wird und wie Bilder zu Akteuren innerhalb von Protesten werden, die zum Teil unkontrollierbare Dynamiken entwickeln.
Dabei stellt sich automatisch die Frage, wer oder was eigentlich gesehen wird – und was nicht. Sichtbarkeit ist politisch, gerade in den Sozialen Medien. Bilder bestimmen also auch mit darüber, welche Themen überhaupt Aufmerksamkeit bekommen. Und diese Aufmerksamkeiten sind wiederum Teil von Machtverhältnissen.
Der Begriff Bildproteste macht also deutlich, dass das Visuelle in aktuellen Protestkulturen ein stark umkämpftes Feld ist. Besonders greifbar wurde das Anfang der 2010er Jahre, bei den Protesten im Zuge des Arabischen Frühlings oder auch bei Occupy Wall Street. Hier konnte man sehr gut beobachten, was passiert, wenn sich Protestbilder über Soziale Netzwerke weltweit verbreiten: Sie erzeugen Resonanz, sie vernetzen unterschiedliche Bewegungen miteinander, und sie schaffen globale Aufmerksamkeit.
FS: Wie verändert sich Protest in seiner Wirkung, Verbreitung und Gemeinschaftsbildung, wenn Bilder an die Stelle des physischen Raums treten?
KS: Wenn Bilder an die Stelle des physischen Raums treten, verändert sich Protest in mehrfacher Hinsicht. Zum einen verschieben sich die Orte des Protests – von der Straße ins Netz, von öffentlichen Plätzen auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder X. Dadurch wird Protest nicht mehr nur lokal erfahrbar, sondern potenziell global sichtbar. Wir können außerdem beobachten, inwiefern sich Ästhetiken des Protests weltweit aufeinander beziehen. Ein Beispiel sind sogenannte Selfie-Proteste – damit bezeichne ich Fotografien oder Videos, in denen sich Menschen mit Protestschildern oder Protestgesten selbst inszenieren. Diese Bildpraxis wurde und wird von unterschiedlichsten Bewegungen weltweit aufgegriffen: von „Black Lives Matter“ bis zu den iranischen „Frau, Leben, Freiheit“-Protesten. […]